Demo Freiheit statt Angst 2009 erfolgreich
Erstellt von Kuro Sawai am Sonntag 13. September 2009
Die gestrige bundesweite Groß-Demo “Freiheit statt Angst 2009” in Berlin hat Zehntausende auf die Beine gebracht. Damit ist das Anliegen, die Themen Netzfreiheit, Datenschutz und Protest gegen alle Formen von Kontrollwahn und Überwachungsstaat in den Bundestagswahlkampf einzubringen, klar unterstrichen worden.
Eine neue Rekordmarke der Teilnehmerzahlen ist nicht aufgestellt worden. Aber das war, nachdem erst am vergangenen Wochende mit der Gorleben-Demo rund 50.000 durch Berlin zogen, auch nicht erwartbar. Außerdem ist es eine fatal verdrehte gedankliche Übernahme aus der Welt des Sports und Eventmarketings, solche Protestaktionen vor allem an Quantitäten messen zu wollen.
Ich sehe es an mir selbst und meinem Umfeld: zu Latschdemos mit jeweils mehrstündiger An-und Abfahrt à la Berlin bin ich nicht mehr ohne Weiteres bereit. Man bewegt damit zu wenig, als dass die Kosten-Nutzen-Rechnung aufginge. Neue Aktionsformen müssen her, die nachhaltiger wirken, Erlebnisqualität verbessern und keine langen Anfahrtswege brauchen.
Nichtsdestotrotz war ich vom eigenen Aufmerksamkeitsfokus her durchaus an der Demo beteiligt. Die Anliegen dort sind auch meine. Ich frage mich, wie man stärker als bisher auch außerhalb des Webs die massiven Fehlleistungen Schäubles und von der Leyens in die Köpfe der Wahlbürger bringen könnte. Denn in Rentner- und Normalo-Kreisen verfängt die “Sauberfrau”-Selbstdarstellung Zensursulas nach wie vor in bestürzendem, wahlbeeinflussendem Ausmaß.
Zurück zur Demo: es gab am Rande einer großen, bunten, friedlichen Demonstration auch diesmal unschöne Begleiterscheinungen. Die Rede ist von Übergriffen durch die Polizei. Laut einer Pressemitteilung der Berliner Polizei wird aufgrund eines Videos mittlerweile gegen Beamte einer Breitschafts-Hundertschaft ermittelt. Der brauchbare, umfassende Bericht in der taz enthält auch Passagen und Verlinkungen zu diesem aggressiven Randkapitel.
Das darin erwähnte Video bei Blogger Fefe zeigt übrigens für Nichtinsider wenig ohne Weiteres Klares. Die polizeiliche Einkesselung eines Demonstrationsfahrzeugs ist dokumentiert, die Gefangennahme eines harmlosen Radfahrers, ein anderer Teilnehmer mit blutigen Verletzungen sowie ein paar Nummernschilder von beteiligten Polizeiwannen. Der Chaos Computer Club hat es auch online gestellt.
Auch die übliche Medien-Rhetorik von der unfriedlich oder “friedlich verlaufenen” Protestaktion als Haupt-Attributierung hat wenig Wert. Na klar ist das eine Binsenweisheit und dabei zugleich jahrzehntelang eingeschliffene Sottisen-Praxis des Nachrichten-Medienbetriebs. Denn nicht zu vergessen: Millionen deutsche Medienkonsumenten richten sich nach dieser leicht manipulierbaren “Markierung” bei ihrer eigenen Bewertung. “Gewalt” heißt Daumen runter.
Und ist es etwa nicht zugleich so, dass die medial “attraktiven” Nachrichten über Gewalt-Krawall am Rande des Hamburger Schanzenviertel-Fests den möglichen Eindruck der “Freiheit statt Angst” -Demo nach Kräften zu verwischen geeignet sind?
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Sonntag 13. September 2009 um 18:50
Du findest es “fatal verdreht”, Demonstrationen daran zu messen, wie viele Bürger sie auf die Straße bewegen?
Mit Verlaub, diese Kritik kommt mir merkwürdig vor.
Ich finde das ebenso naheliegend, wie politische Parteien daran zu messen, wie viele Wählerstimmen sie für sich gewinnen können.
Sicher ist die bloße Teilnehmerzahl relativierbar – Fahrzeit, ner persönliche Nutzen für jeden einzelnen, die mögliche Gefahr etc. pp., aber ist es nicht genau das, was eine Demonstration will? Möglichst viel Präsenz zeigen und damit möglichst stark auf sich aufmerksam machen?
Sonntag 13. September 2009 um 19:17
Hallo Kuro,
Danke für den Artikel (und die Verwendung meiner Fotos).
Ja, es ist schon schwer, seinen Hintern hoch zu heben – aber der Eine oder Andere tut es immer. Und gestern waren vermutlich alle Piraten Deutschlands versammelt
Heute – das Wetter war/ist viel schlechter, waren beim Gedenktag (http://bit.ly/2wBm67) kaum Leute da – sogar die Touristen eilten vorüber.
Nic
Sonntag 13. September 2009 um 20:10
@ Cosmo
Okay, natürlich hast Du nicht völlig unrecht mit deinen Argumenten. So ist ja auch die übliche Sichtweise, zumal im Mainstream der Medien.
Dagegen führe ich an, dass
- bei Demos die Vorgeschichte, der Ort und das Wetter ebensoviel Einfluss auf die Teilnehmerzahlen haben können wie das Ziel-Thema.
- diese FsA-Demo 2009 nicht deswegen als Reinfall gelten sollte, weil sie im Vergleich zum Wochenende davor (Gorleben) geringere Zahlen aufwies.
- Teilnehmerzahl-Schätzungen sowieso immer heiß umstritten sind.
- die Übertragung von “objektiven Kriterien” aus der Naturwissenschaft oder Ökonomie auf solche sozialen Prozesse mir problematisch erscheint, da die Vielzahl der Einfluss-Faktoren für eine Nicht-Teilnahme keine tragfähigen Aussagen zulässt.
- die Anliegen und Themen einer Demonstration zunehmend keine Beachtung mehr finden, falls man – wie in vielen Medien leider üblich – nur die Überschreitung neuer Rekordmarken wichtig nimmt.
Einigen könnten wir beide uns daher darauf, dass es eine Frage des Blickwinkels ist und bleibt.
Sonntag 13. September 2009 um 22:13
Das ist schon ein Posting, dass ich sofort unterschreiben würde. All diese Punkte sind vollkommen richtig.
Dass man Mainstreammedien nicht mit originellen Sprüchen und Forderungen allein zur Berichterstattung bewegt aber auch.
Aber ich glaube, wir sind uns doch einiger, als dein zweiter Absatz im Artikel oben vermuten ließ.