Recherchen zur Doku “Jesus Junge Garde”
Erstellt von Basti am Donnerstag 18. Juni 2009
Wer diesen Dokumentarfilm noch nicht kennt, sollte das schleunigst ändern. Religionskritiker in Deutschland sprechen vornehmlich über Heuchler, Herdentierverhalten, Für-dumm-Verkaufen, Esoterik-Schwachsinn und Privilegien-Traditionen der Kirchen und Religionsvereine. Hier aber geht es um eine ungewöhnliche, militant Religion und Faschismus verbindende Spielart von “Christentum”. Eine gefährliche Gruppierung, die aus den USA zu uns herüberschwappt und hierzulande seit 2003 offenbar Tausende junge Anhänger sammelte.
“Jesus Junge Garde Die christliche Rechte und ihre Rekruten”, eine Dokumentation von Jobst Knigge und Britta Mischer über “The Call”, eine christliche “Erweckungsbewegung”. “Erweckung” heißt in diesem Fall, dass man an Glocken mit Hitlerzitaten betet und ein Logo mit einem aufwärtsgerichteten Pfeil verwendet. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Einem Zeitungsbericht (den die deutsche Wikipedia zitiert) war zu entnehmen, dass “The Call” mittlerweile aufgelöst wurde und jetzt “The Cause” hieße. Dem widerspricht, dass The Call immer noch Veranstaltungen durchführt.
Es gibt noch eine Website dieser Organisation, auf der auch nichts von einer Auflösung steht. Dafür sehr kurioses Zeug:
The woman promptly wrote a check for $100,000, setting into action a whole chain of supernatural events that would eventually result in the TheCall DC on September 2nd, 2000.
Die Frau schrieb sofort einen Scheck über 100.000 $ aus und setzte eine ganze Kette übernatürlicher Ereignisse in Gang, die schließlich, am 2.9.2000, TheCall DC ergeben würden.
Ich sehe da ein typisches Motiv der religiösen Literatur: die Legitimation durch das “Wunder” (Unglaubliche/Unlaubwürdige?). So gut wie alle Priester, Gottkönige und dergleichen beziehen ihre Rechtfertigung aus dem “Übernatürlichen”.
Nichtsdestotrotz gibt es eine Organisation namens “The Cause” (ihr Logo: derselbe Pfeil nach rechts – wie kreativ!), die auf ihrer Website eine sogenannte “Strategie der sieben Berge” vorstellt. Eine Art Christliche Verschwörungstheorie, nach der die Kirche, Ausbildung, die Künste, die Medien, die Regierung, das Geschäft und die Familien nicht nur ihre Macht von Dämonen erhalten hätten (!), sondern auch noch in der Hand von Leuten mit “Anti-Christlicher Agenda” wären, was natürlich abgeschafft gehört.
Über die im Film erwähnte “Holy Revolution School” ist über das Internet so gut wie nichts herauszufinden. Man findet einen Teilnehmer einer solchen Veranstaltung mit Bilderalbum. “Da ich beim Gebet Frieden drüber hatte, habe ich mich trotz Bedenken einiger anderer guter Bekannter dort angemeldet und war dann bei der Mentorengruppe M12 von Beate mit dabei.” Wie bitte?
Die Domain “godchasers.de” hostet eine Website für ein “Holy Revolution School”-Nachtreffen. Ein Forum auf dieser Domain ist leider nur mit Anmeldung zu erreichen. Außerdem liegt da ein recht kurioser Flyer, der Folgendes lesen lässt:
VERTIKALE ANBETUNG
Was: 12-stündige vertikale Anbetung und Fürbitte
Wann: 29. November 2008 von 12-24 Uhr
Wo: in den Räumlichkeiten des Christlichen Zentrums Gießen, Siemensstr. 14, Giessen [!]
Jetzt auch noch vertikal. Mir fehlen die Worte. Google mal “vertikale Anbetung“.
Im diesem Dunstkreis findet sich übrigens auch “Die Taube“. Dieser Verein bietet unter anderem Prophetenschulen in Israel an. Na wenn’s sonst nichts ist…
“Der Ruf” ist eine textlastige Seite, die sich augenscheinlich auf diese Bewegung beruft. Auf den ersten Blick erscheint sie harmlos, aber die Aufzählung rechts unten macht mich ein wenig stutzig:
7 Prämissen des Vorläuferdienstes:
- Einzigartigkeit der endzeitlichen Generation
- Offenbarung des Vaterherzens Gottes
- Offenbarung Jesu als Bräutigam, König und Richter
- Wirken des Heiligen Geistes wie nie zuvor:
erstes Gebot, große Ernte, endzeitliche Gerichte- Des Vaters primäre Zielgruppe sind die Armen
- Große Erschütterungen
- Gott erweckt Vorläuferdienste, Seinen Weg zu bereiten
Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll. Doch, ich weiß es: beim Bräutigam. LOL. “Endzeit” ist übrigens klasse, denn, wenn eh alles den Bach runtergeht, kann man sich alles erlauben. Ist der Ruf erst ruiniert… “Du, denk nicht weiter drüber nach, die glauben, dass die Welt untergeht”. Klasse Auffassung. Super nachhaltig. Wir sollten mal Ökos gegen Endzeitler aufhetzen.
Perspektive 2010 bringt eine lesenswerte Polemik über dieses Phänomen.
Wikipedia führt übrigens zu “Erweckungstheologie” aus:
Die Erweckungstheologie war eine der konservativen theologischen Strömungen des 18. und 19. Jahrhunderts, die sich vor allem gegen den Rationalismus und dessen »maßloser Überschätzung« der Vernunft (Beyreuther) richtete.
Dem bleibt dann wohl nichts mehr hinzuzufügen.
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Dienstag 30. Juni 2009 um 22:35
“The loss of the sense of ‘the normal’, however, can be its own occasion for laughter, especially when ‘the normal’, ‘the original’ is revealed to be a copy, and an inevitably failed one, an ideal that no one can embody. In this sense, laughter emerges in the realization that all along the original was derived.” (Butler Gender Trouble 1990, 138-139)
Vielleicht eine Antwort, was ‘wahre’ oder ‘authentische’ Religiosität ist.
Mittwoch 1. Juli 2009 um 21:06
Dein Zitat ist ja “lustig”, aber was sagt es zu dem Artikel über die Formation einer gewaltgeneigten Fraktion junger Militanz-Evangelikaler?
Siehe auch Jesus Boot Camp.
Wenn ich oben “inevitably failed one” lese, denke nicht nur ich sogleich an US-Fernseh-Prediger wider die Unmoral, die dann selber bei “Seitensprüngen” ertappt wurden.
Donnerstag 2. Juli 2009 um 23:48
Das Zitat bezieht sich ursprünglich auf Kontexte wie z.B. Travestie in denen Geschlechteridentitäten parodiert werden. Butler weist darauf hin, dass angeblich “authentische” oder “ursprüngliche” Geschlechteridentitäten wie Männlich-Sein oder Weiblich-Sein entgegen der Selbstauskunft auch nur “Kopien” oder “Imitate” sind.
Das Zitat war insofern ein ironisches (?) Zitat, um indirekt die Frage zu stellen, wie man religiös sein und sowas nicht gut finden könnte: Denn wenn man es nicht gut findet, wie könnte man dagegen argumentieren? Damit, dass die eigene Version der ‘wahre’ oder die ‘richtige’ Auslegung sei? Wie plausibel ist das? Wieso sollte man bestimmte Schriften ‘friedlich’ oder ‘demokrtisch’ lesen und nicht ‘militant’ oder ‘fundamentalistisch’?
Ich habe mich einfach nur gefragt, wie Christen über solche Filme denken, wenn sie sie sehen und wie sie denn evtl. sagen können – “Nein, das ist ein ‘falscher’ Glaube.” um sich zu distanzieren. Wie erklärt man sich, dass der eigene Glaube mit ‘militantem’ Glaube nichts zu tun hat?
Ansonsten könnte man es natürlich etwas blasphemisch finden, religiöse Identitäten mit sexueller Orientation zu vergleichen…